Fundsache

Diese Kurz-Kurz-Geschichte habe ich gerade wiedergefunden, als ich in den uralten files meines früheren Laptops herumstöberte.

Den Text hatte ich für einen Wettbewerb des Fischer-Verlages geschrieben, an dessen nähere Bedingungen ich mich nicht mehr erinnere, nur: Es war im Frühjahr 2002, und der Text sollte die Frage enthalten: „Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?“

Mit fiel dies dazu ein:

Er hörte die Schritte, sah aber nichts.
Leise Quietschgeräusche von Turnschuhsohlen auf dem Linoleum, dann Stille, als der Teppich die Schritte schluckte.
„Hi, Ernie.“
„Hi, Prinzessin. Wie geht’s?“
Er lächelte in die blauen Augen, die über den Rand der Rezeption blinzelten.
„Ist Daddy schon zurück?“
Ernie schüttelte den Kopf und schob der Kleinen den Zimmerschlüssel zu.
„Sorry, Prinzessin. Die Konferenz dauert länger. Du darfst dir ein Extra-Eis bestellen.“
„Hab ich mir schon gedacht“, nickte die Kleine und griff ergeben nach dem Schlüssel.
Ernies Herz floss über vor Mitleid und unausgelebtem Bruttrieb.
„Willst du vielleicht Monopoly mit mir spielen? Ich hab in einer Stunde frei.“
Er konnte ihren Mund nicht sehen, aber ihre Augen spiegelten ihr Lächeln wider.
„Nee, danke. Ich komm schon klar.“
Ernie setzte sich wieder, griff nach seinem Kreuzworträtsel und lauschte auf die Schritte des Kindes, die sich leise quiekend in Richtung Fahrstuhl entfernten. Ein leiseres, rasches Klicken mischte sich hinein. Das Geräusch erinnerte ihn an Hundekrallen auf glattem Boden. Er stand auf, lehnte sich über die Rezeption und spähte zum Fahrstuhl hinüber.
Da stand die Kleine und redete leise auf ein dunkelbraunes Tier mit weißen Flecken ein, das ihr bis zum Bauch reichte und wie ein junges Wildschwein aussah. Ernie sah genauer hin, blinzelte und schluckte.
„Wo hast du den denn her, um Gottes Willen?“
Die Kleine drehte sich um und sah ihn ernst an.
„Gefunden“, sagte sie.
„Gefunden“, wiederholte Ernie. Er nickte. „Gefunden. Ah.“
„Er ist mir nachgelaufen. Ich kann ihn doch mit aufs Zimmer nehmen? Ernie?“ Die Kleine legte dem Vieh, das jetzt leise tschirpende Töne von sich gab, die Hand auf den Kopf und sah Ernie flehend an. Ernie überlegte. Die Polizei würde schnell herausfinden, welcher Tierpark einen jungen Tapir vermisste, und ihn abholen lassen.
„Wenn er ins Zimmer kackt, machst du’s weg“, warnte er. „Und gib ihm ja kein Cola, verstanden?“
„Geht klar, Ernie. Danke!“ Sie grinste und spazierte in den Fahrstuhl. Der junge Tapir tapste neugierig und krallenklickend hinter ihr her. Sie zwinkerte Ernie noch einmal zu, dann schloss sich die Fahrstuhltür. Ernie schüttelte den Kopf. Sein Blick fiel auf das aufgeschlagene Rätselheft. „Königstochter mit zehn Buchstaben.“ Er lachte.

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