Lüttje Huus: update

Hey Ihr Lieben, hier ein update der „Akte Lüttje Huus“ 😀

Am vergangenen Samstag war die Schlüsselübergabe für „uns lüttje Huus“. Der Prinz hatte mit den Eigentümern, dem Ehepaar Beckmann (so nenne ich sie hier ) vereinbart, dass wir gegen 15 Uhr am Huus sein wollten. Das klappte auch gut. Beckmanns begrüßten uns sehr herzlich (nette Leute!) und führten uns gründlich durchs Haus, um zu erklären, wo sie zum Beispiel wann was renoviert hatten und wo es Besonderheiten zu beachten gibt. Herr Beckmann ist ein leidenschaftlicher und sehr guter und geschickter Heimwerker; wir konnten nur staunen, was er alles selbst gemacht hat, und wie gut und sauber! Beckmanns erwähnten auch die liebenswerte Nachbarin, die uns schon so nett empfangen hatte. „Herta schaut immer mal nach dem Haus, wir hatten ihr Schlüssel gegeben“, erklärte Frau Beckmann. „Sie können ja selbst entscheiden, ob Sie das beibehalten möchten.“ Der kleine Herr Sonntag tat die ganze Zeit das, was er immer tut, wenn wir mit anderen Leuten reden: er bellte. Eifersucht und Ungeduld, eine nervige Mischung! Daran müssen wir dringend arbeiten. (Hat jemand einen Tipp für uns?) Ich fragte Beckmanns, ob sie traurig oder wehmütig wegen des Verkaufs seien (sie hatten das Haus 16 Jahre lang gehabt), aber sie verneinten und sagten, die Jahre mit dem Huus seien schön gewesen, aber es sei jetzt Zeit, mit diesem Kapitel abzuschließen, und es fühle sich für sie gut an. Als sie sich nach einem herzlichen Abschied auf den Heimweg gemacht hatten, saßen wir erst einmal nur fassungslos im Wohnzimmer und versuchten zu begreifen, daß dieses Haus jetzt tatsächlich unser Haus ist. Der Prinz hatte vorausgeplant und heimlich eine Flasche meines Lieblingssektes mitgenommen: Freixenet carta rosado. Wir stießen an und freuten uns wie dolle. Der kleine Herr Sonntag inspizierte den Garten, und da er unsere Freude spürte, flitzte er ausgelassen im Zickzack über die Wiese und warf sich stürmisch dem Prinzen in die Arme. ❤ Herta, die zu dieser Zeit noch“Frau B.“ für uns war, kam herüber, um uns zu gratulieren und uns willkommen zu heißen. Sie hat eine süße, fröhliche Jack-Russell-Hündin namens Bella, mit der unser Bärchen sich prima versteht. Bella ist rund wie ein Fußball und der lebende Beweis dafür, daß Jack Russells nicht in Rentnerhände gehören 😉 Wir saßen zu dritt gemütlich auf der Terrasse und redeten. So erfuhren wir, daß wir die Äpfel unserer beiden Apfelbäume zu Mosterei bringen könnten, die gleich im Dorf ist. Der Prinz war immer noch mit dem Rasenmäher-Thema beschäftigt. Herr Beckmann hatte ihm zu einem Benzinmäher geraten. Frau B. schien eher um saubere Schnittkanten des Grases um die steinernen Trittplatten in der Wiese herum besorgt. 😉

Der Prinz machte sich auf die Jagd nach einem Mäher. Dabei entdeckte er im Nachbarort Pewsum das Männerparadies: den Raiffeisen-Landhandel! 😀 Der sehr freundliche und erfahrene Verkäufer dort empfahl dem Prinzen eine benzinbetriebene Motorsense, die er ihm mit einem dicken Rabatt überließ. Zu Hause (wir hatten sehr schnell das „Zuhause“-Gefühl im Lüttje Huus) legte der Prinz sofort los, merkte aber bald, daß das Gerät zwar voll geil, aber auch sehr laut und schwer ist und daß er damit auf keinen Fall die ganze Wiese würde kürzen können. Tja, und da stellte sich im Gespräch mit Frau B. heraus, daß unser neues kleines Heimatdörfchen tatsächlich einen Baumarkt hat! Klein, aber hey – Baumarkt!! Klar, daß der Prinz den unbedingt sofort aufsuchen mußte. Eine Stunde später zog er glücklich mit einem neuen Spielzeug Benzinmäher seine Bahnen über die Wiese 😀 😀

Danach holte er 57 Kilo (!) Äpfel von den beiden Bäumen und brachte sie zur Mosterei. Dort erhielt er dafür 47 Gutscheine, mit denen er Mostflaschen zum halben Preis bekommt. Der Most ist also Direktsaft und man bekommt ihn klar oder naturtrüb und beides ist unfaßbar köstlich.

Ja, und dann gab es die erste Abend-Gassirunde mit dem Bärchen. Inzwischen hatten so ziemlich alle 180 Einwohner mitbekommen, daß Beckmanns das Haus an die neuen Eigentümer übergeben hatten und waren gespannt auf uns. Es ist ja so, daß die Friesen sehr fröhliche, herzliche und offene Menschen sind (wenn auch das Klischee vom maulfaulen Norddeutschen das Gegenteil sagt – das ist falsch!). Alle Dorfleute, denen wir begegneten, grüßten mit einem freundlichen „Moin!“, manche fragten auch: „Sie sind die neuen Nachbarn, nech?“, und wenn wir das bestätigten, „hieß es oft:“Das ist ja schön – willkommen in Woquard/ in der Nachbarschaft!“ Manche fragten noch ein bißchen zum Haus und ob es uns in Woquard denn gefiele. „Hast du gemerkt“, fragte der Prinz später, „Selbst die, die gar nicht soo nah bei uns wohnen, betrachten sich als unsere Nachbarn.“

Das stimmt – und ich habe das deutliche (und gute) Gefühl, daß wir den Leuten in Woquard trauen können, daß uns da niemand freundlich begrüßt, um uns dann später die Messer in den Rücken zu rammen, wie wir es hier, in unserem Wormser Dorf, erlebt haben.

Das beste Erlebnis der Woche bescherte uns aber unser geliebter Knutschköter! Zwischen unserem und Frau B.s Grundstück verläuft kein Zaun, sie weiß, wo die Grenze läuft und hat uns das, als wir uns kennenlernten, gezeigt (auch die beiden Apfelbäume, die uns gehören 😉 )

Die Friesen grenzen Grundstücke oft durch Entwässerungsgräben ab. Je nach Größe heißen diese Gräben „Tief“, „Düker“ oder „Schloot“. So einen Schloot hat Frau B. in ihrem Garten, zum nächsten Nachbarn hin (das ist der Herr W.). Ich dachte zuerst an einen „Schlot“, also einen Kamin, als sie das Wort zum ersten Mal erwähnte. Daß sich dieser Graben mit „oo“ schreibt, habe ich erst später herausgefunden. Als also Frau B. Ihren „Schlootnachbarn“ erwähnte, schaute ich zum Dach ihres Hauses („Hä?! Das Haus steht einzeln und es hat nur einen Kamin? WTF?!?“) Den Schloot muß man zweimal jährlich reinigen, da darin Pflanzen, Laub und vieles mehr verwesen. Man geht mit einem großen Rechen durch. Das stinkt natürlich, zumal der Boden da oben torfig und moorig ist.

Gegen Ende der Woche saß ich mittags in der Eßecke und arbeitete an meinem aktuellen Projekt, als ich plötzlich den Prinzen schreien und rufen hörte:

„[ hier unverständliches und hektisch-panisches Schimpfen einfügen] DO-MI!!!

Gleichzeitig trabte ein erschreckter Herr Sonntag zu mir herein und blieb zitternd dicht bei mir stehen. Er war matschig-naß und stank bestialisch.Jetzt verstand ich auch die Worte des Prinzen: “Paß auf, daß er sich nicht schüttelt – er ist in den Schloot gefallen!“ Das Wasser tropfte an dem kleinen Hund herab. Die Tropfen waren tiefschwarz und glänzten wie das Altöl eines Autos. Sofort kamen mir Erinnerungen an meine Kindheit, an die Emscher, deren Wasser genau so ausgesehen und gerochen hatte (sie soll jetzt renaturiert werden.) Und Beckmanns hatten die Eßecke kürzlich noch frisch tapeziert, mit einer sehr schicken weißen Struktur-Tapete, die wie kunstvoller Verputz wirkt. Wenn der Bär sich da geschüttelt hätte…

Aber der Prinz war schnell da und hakte ihm die Leine ans Brustgeschirr. Auf der Terrasse goß er zwei Eimer mit warmem Seifenwasser über Herrn Sonntag aus. Das schien dem Kleinen gut zu tun. Dann war es sicher, ihn ins Bad mitzunehmen. Der Prinz stellte ihn in die Duschkabine und brauste ihn erstmal warm ab. Unser kleiner Wuwu, der Wasser eigentlich haßt und sich bei Regen weigert, rauszugehen, schien die Wärme zu genießen und hielt sogar freiwillig sein Gesicht in den warmen Brausestrahl. Da wir kein Hundeshampoo parat hatten, schäumte der Prinz ihn mit Menschen-Duschgel ein (Aloe Vera) 😀 Das gefiel der empfindlichen Hundenase noch weniger als der Schloot-Gestank, er spürte aber, daß sein geliebtes Herrchen jetzt zunehmend entspannter wurde, also hielt er durch ❤ Da das Bärchen ein sehr kurzes Fell hat, war er schnell wieder sauber. Als nur noch klares Wasser aus des Bärchens Fell rann, holte der Prinz ihn heraus und frottierte ihn gründlich ab. (Praktischerweise hatte er kurz vorher für eventuelle spätere Gäste dunkel-anthrazitfarbene Handtücher besorgt, die jetzt wie gerufen kamen. Der Bär ließ sich das kräftige Abrubbeln mit wohligem Grunzen gefallen 😀

Draußen schien noch die Sonne, so nahm der Prinz ihn mit in den Garten, wo er ihm sein Bällchen warf. Durch das Herumrennen in der Sonne wurde das Bärchen schnell warm und trocken. Er war sooo erleichtert, daß er sein Abenteuer gut überstanden hatte! Wir konnten und können im Nachhinein natürlich gut darüber lachen. Der Prinz erzählte mir, was passiert war: Herr W. hatte eine schiefe Planke über den Schloot gelegt, um leichter rüber kommen zu können. Der Prinz wollte sich ihm vorstellen und ging hinüber. Mitten im Gespräch platschte es hinter ihm – der Prinz drehte sich um und sah das Bärchen im Wasser paddeln. Der Bär schaffte es nicht, an der rutschigen und glitschigen Böschung Fuß zu fassen, er fiel immer wieder ins kalte Wasser zurück. Der Prinz stemmte sich mit den Füßen fest in die Böschung, packte das Bärchen am Brustgeschirr und zog es heraus. Der Bär schüttelte sich gründlich, um den Gestank loszuwerden und lief schnurstracks Richtung Haus, in die Sicherheit. Das war der Zeitpunkt, als ich von der Eßecke aus das Geschrei des Prinzen hörte 😀

Das war das große Schloot-Abenteuer des keinen Herrn Sonntag – Frau B. und ihr Schlootnachbar, Herr W., lachten sehr, aber es war liebevoll gemeint. In Woquard hat fast jeder mindestens einen Hund, daher sprechen viele Leute das Bärchen freundlich an, wenn wir mit jemandem ins Gespräch kommen.

Dann war der Freitag da und damit unser Pizza- und Rotwein-Abend. Da wir mitbekommen hatten, daß weder Edda noch Tinus jemals Pizza gegessen hatten, luden wir sie ein. Der Prinz besorgte fertigen Pizzateig (schon in Backpapier eingerollt) und belegte ihn lecker. Dazu hatten wir Rotwein. Edda und Tinus schmeckte es prima.

Frau Beckmann hatte uns bei der Übergabe erzählt, daß Frau B. einen Satz Schlüssel zum Haus habe und immer wieder mal nach dem Rechten sehe. Wir fragten sie, ob sie das auch für uns tun könne und wolle. Sie freute sich über unser Vertrauen und sagte gern zu. Am Samstag wolle sie die Schlüssel holen, sagte sie. Sie kam zu einer günstigen Zeit, wir hatten gerade Tee gekocht (in Friesland ist Tee so wichtig wie in England!). So saßen wir gemütlich beieinander und erzählten. Sie fragte noch einmal nach unseren Nachnamen und gab einige Dönekes aus dem Dorfleben zum Besten. So erfuhren wir, daß sie 73 Jahre alt und stellvertretende Küsterin ist (das da oben ist durch und durch“Feindesland“, wie der Prinz gerne witzelt, nämlich alles evangelisch. 😉 ) Den Tee nahm Frau B. zum Anlaß, uns zu verkünden, daß sie uns ab sofort duzen wolle. Seit dem ist sie also „Herta“ für uns, und es tut uns gut, eine ehrliche, gutherzige Nachbarin zu haben, der wir trauen können. (Hier haben wir Wiltrud, die ein wahrer Schatz ist, und die Buchhändlerfreunde, die aber nicht die einzigen tollen Leute hier im Dorf sind.)

Am Sonntagmittag fuhren wir dann wieder zurück – ohne viel Gepäck, weil wir das Meiste unserer Klamotten schon im Lüttje Huus gelassen hatten. Der nächste Trip „rauf“ wird um den 1.November herum sein *freu* – und ebenso mit wenig Gepäck!

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9 Kommentare zu “Lüttje Huus: update

  1. Das klingt ja alles recht stress-frei. Super! 🤗 Ich freue mich sehr für euch.
    Aber die Schloot-Episode… ist das nicht gefährlich für Haustiere? Die kommen ja gar nicht mehr raus, wenn sie mal reingefallen sind? 😧

  2. Uah – Amy darf da nicht reinfallen, die kommt auch mit Ausstieghilfe nicht raus. Aber wenn man das vorher weiß, kann man ja aufpassen. Und euch hat quasi Domi drauf hingewiesen, der arme Tropf.

  3. Moin! Erstmal ganz herzlichen Glückwunsch zum Haus und viele wunderbare Tage dort.
    Zur Frage: „Daran müssen wir dringend arbeiten. (Hat jemand einen Tipp für uns?)“
    Unsere Hundeschule rät zu Ersatzverhalten – den Hund Sitz oder Platz machen lassen und dann aufpassen, dass er das auch macht. Loben und bestätigen wenn´s klappt, striktes „Nein“ wenn nicht 😉

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