Gutmeiner und ihre Übergriffe

Am Sonntag waren wir in der prinzlichen Heimatstadt. Zuerst auf dem Friedhof, wo wir den Prinzeneltern an ihrem Grab Hallo sagten und der Prinz den Grabstein fotografierte, damit er mit dem Steinmetz genauer besprechen kann, wo und wie dieser Papas  Daten hinzufügen soll.

Danach bummelten wir entspannt durch den sehr hübschen historischen Stadtkern mit seinen schmalen Gäßchen und den Fachwerkhäusern.  Ich drehte mich unwillkürlich immer wieder um, weil ich nach dem Prinzenpapa Ausschau hielt. Ohne ihn ist das Städtchen „nicht richtig“… Ach, Papa, du fehlst uns…

Hubert, mein Physiotherapeut, war vor kurzem dort gewesen und hatte uns ein neues Café empfohlen, das vor einigen Wochen dort eröffnet hat.  Das Café  ist sehr gemütlich, atmosphärisch, und die Inhaberin ist bezaubernd, nett und fröhlich. Man spürt, daß sie das Café mit Liebe und Freude führt, und ihre Kuchen sind köstlich. Der kleine Herr Sonntag bekam nach Rückfrage bei uns  einen Hundekeks.

Wieder draußen vor der Tür, drückte mir der Prinz die Hundeleine in die Hand, weil er doch nochmal schnell zur Toilette gehen wollte. Er verschwand wieder im Haus, was der kleine Herr Sonntag mit wildem Bellen, Jaulen und Umhertanzen quittierte. Wenn der Prinz auch nur kurz weg ist, bricht seine Welt zusammen. (Daran müssen wir noch arbeiten.) Ich stand mit dem Rolli linksseitig dicht an der Hauswand und hatte in der rechten Hand die Leine mit dem wilden Herrn Sonntag. Da sah ich plötzlich eine ältere Dame auf mich zukommen. Sie beugte sich zu Herrn Sonntag hinunter. Ich glaubte, sie wolle ihn streicheln. Das kommt öfter vor, vor allem mit Frauen, weil er mit seinen großen Kulleraugen so süß aussieht. Aber nein – sie sagte „Jaa, jaa, ist ja gut“ zu ihm, nahm mir ohne weiteres die Leine aus der rechten Hand und schob Herrn Sonntag nach links an die Hauswand. Drückte mir die Leine wieder in die Hand. Das ließ der Kleine sich nicht gefallen, er ging zurück auf die rechte Seite (er weiß, daß da meine aktive Hand ist).  Die Frau zog nun wortlos das gleiche Manöver durch – sie nahm mir die Leine weg und schob  Herrn Sonntag nach links an die Hauswand. Er wehrte sich. Ich mußte wohl auch eine Abwehrhaltung eingenommen haben, denn endlich bequemte sie sich zu sprechen. Sie zeigte hinter mich und sagte „Da will ein Auto durch.“ Ich drehte mich um. Tatsache. Da stand ein Auto, dessen Motor aber so leise lief, daß ich ihn nicht gehört hatte. Ich zog Herrn Sonntag näher zu mir, beruhigte ihn und machte dem Autofahrer Platz, der an mir vorbeizog, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Ja klar, ein Lächeln, Winken oder kurzes Zunicken hätte ihn auf der Stelle getötet, ist ja bekannt, sowas. Daran sterben täglich Tausende im Straßenverkehr, weiß man ja.

„Er hätte nur ein Wort sagen müssen“, sagte ich zu der Frau. „Ach ja, Sie wissen ja, manche können einfach nicht mal eben aussteigen“, erwiderte sie. Aussteigen hätte ich gar nicht erwartet – es hätte mir gereicht, wenn er kurz das Fenster runtergelassen und gesagt hätte: “Entschuldigung, lassen Sie mich  mal eben vorbei?“ Höflichkeit 101, sozusagen. Aber jaja, ich weiß… Überforderung.  Den Autofahrer fand ich nur blöd, die Frau allerdings war einfach unverschämt. Sie gehört zu denen, für die ein Mensch im Rollstuhl automatisch auch geistig behindert ist. Deshalb hat sie nicht gesagt „Guten Tag, hinter Ihnen möchte ein Autofahrer vorbei, soll ich kurz Ihren Hund halten?“ Nein – sie hat mich einfach bevormundet, mir wortlos die Hundeleine weggenommen und Herrn Sonntag weggeschoben. Ja, sie hat es „gut gemeint“. Ja, sie „wollte nur helfen“. Sie war „mit der Situation überfordert“, „hilflos“. Die arme Frau. heul, heul.

Liebe Mitmenschen: Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, der sitzt nicht darin, weil es ihm Spaß macht. In den meisten Fällen kann er ganz einfach nicht laufen. Das hat mit den Beinen zu tun, nicht mit dem Kopf. Dieser Mensch ist in weitaus den meisten Fällen körperlich behindert, nicht geistig. Natürlich, es gibt auch Erkrankungen, die einen Patienten geistig und körperlich so beeinträchtigen, daß er einen Rollstuhl braucht. Außerdem sind Menschen, die im Rolli sitzen, nicht ansteckend, ihr könnt sie also ganz normal behandeln.

Also: Diese „Gutmeiner“ gehen mir auf den Keks! Das ist keine Hilfe, das ist Nötigung für mich! Ich finde das übergriffig, ebenso wie ungefragtes Duzen. Ja, ich kann nicht gut laufen und mein Arm und die Hand links sind noch (!)  gelähmt, das ist nicht supertoll für mich, ABER ich bin trotzdem eine erwachsene, normale Frau.

Ich muß einfach lernen, in solchen Situationen schneller zu reagieren.

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