Hündisches, aktualisiert

Andrea und Frau Ladybird haben (zu Recht) nachgefragt, was denn eigentlich das hündische Leben bei uns macht?
Stimmt! – ich wollte ja noch berichten, wie wir zwei Mal versucht haben, einen Hund zu adoptieren, aber aufgrund mangelnder Erfahrung kläglich gescheitert sind. Gut gemeint ist eben nicht immer auch gut getan. Deswegen sind wir emotional etwas ausgepowert derzeit, und ein bisschen melancholisch (und ärgerlich auf uns selbst).

Von Balou, dem süßen kleinen Rotfuchs, hatte ich ja einiges berichtet. Wir hatten eine tolle Woche und viel Spaß mit ihm, bis er so dominant wurde, dass die Situation sich kritisch zuspitzte. Dummerweise war im Tierheim kaum etwas über seine Vergangenheit bekannt, nur, dass er schon einmal wegen Bissigkeit ins Heim zurückgegeben worden war, und eben, dass er „wohl mal im Süden“ gewesen war. Wo genau aber, und was er dort erlebt hatte – unbekannt.

Nun, Balou ist zehn Jahre alt. Er ist ein ganz toller Hund, dazu stehe ich nach wie vor. Er ist ein verfressenes kleines Monster, und wir glauben, dass er vermutlich viel und oft um Futter und Überleben hat kämpfen müssen. Das zeigte sich, als er den Prinzen in die Hand biss, weil er glaubte, der Prinz wolle ihm ein Stück Schokolade wegnehmen, das er unter dem Sofa entdeckt hatte. Kurz darauf hatten wir den Termin mit der Hundetrainerin, die schon gleich besorgt feststellte: „Der Hund hat eine sehr niedrige Frustrationsschwelle, Vorsicht!“ Sie macht uns darauf aufmerksam, wie Balou sich im Haus und im Hof hinlegte, so dass er immer alles im Blick und damit unter Kontrolle hatte. Wir hätten ihm von Anfang an Liegeplätze einrichten und zuweisen müssen, erklärte sie uns, „ sonst bestimmt er, wo er liegt.“

Er lag dann auch immer wieder so gezielt mitten in meinen „Trampelpfaden“ durch die Zimmer, dass ich um ihn herumgehen musste (er also der Dominante in dieser Situation war). Da mein linkes Bein ja noch sehr steif und ungelenk ist, streifte ich ihn dabei versehentlich einige Male leicht mit dem Fuß, was mir jedes Mal ein böses Grollen von Balou einbrachte. Das verunsicherte nicht nur mich, sondern auch den Prinzen, der oft – je nach Menge der Fotoarbeit – bis zu elf Stunden aushäusig ist. Er fürchtete, Balou könne mich beißen. Und es war klar, dass ich mich im Ernstfall nicht effektiv würde wehren können, obwohl Balou ja kein sehr großer Hund ist. Das hatte schon die Hundetrainerin angemerkt: „Wenn der mal richtig Stress macht“, hatte sie gesagt, „dann muss man ganz unmittelbar mit Körpersprache reagieren. Und das können Sie wohl nicht.“ Das stimmt allerdings, so beweglich und schnell bin ich noch nicht wieder, auch nicht so standfest. So sagte der Prinz eines Sonntags, als Balou mich wieder angeknurrt hatte, schweren Herzens: „Wir können Balou nicht behalten, es wäre zu riskant.“

Im Tierheim hatten sie uns zu Anfang gewarnt, dass Balou unvermittelt zuschnappe, aber in unserer rosaroten Euphorie dachten wir, dass wir das hinbekommen könnten. Aber nun war die Toleranzgrenze erreicht. Alle Martin-Rütter-Tipps schlugen nicht an bei ihm, sondern machten die Lage kritischer. Leider konnten wir Balou ja nicht ausfragen über das, was er früher erlebt hat. Aber er ist klar geschädigt, er hat wohl oft und viel um sein Überleben kämpfen müssen. Ich weinte sehr, als der Prinz Balou ins Auto lud und mit ihm Richtung Tierheim fuhr. Es tat schrecklich weh, aber mein Kopf wusste, dass das die richtige Entscheidung war, zumal ein friedliches Zusammenleben mit den Katzen nicht abzusehen war – er jagte die beiden mit großer Aggression. Kurz darauf war der Prinz zurück – er hatte rote Augen, sagte aber, Balou habe an strammer Leine sofort zu seinem Zwinger gezogen und sei lediglich sehr angepisst gewesen, weil da bereits ein anderer Hund drin saß. (Er hatte auch bei den ehrenamtlichen Gassigängen im Wäldchen immer sehr stramm zurück Richtung Tierheim gezogen, denn da gab es Futter mit seinem heißgeliebten Hüttenkäse ; – ))
Das Tierheim-Team hat jedenfalls den Text auf Balous Webseite inzwischen angepasst, damit so etwas nicht noch einmal vorkommt (ist ja für den Hund auch nicht so einfach).
An diesem Sonntag jedenfalls brach hier bei uns eine kleine Welt zusammen. Wir hatten den kleinen frechen Stinker sehr lieb gewonnen und er fehlt uns sehr, immer noch.

Als wir zum gewohnten Wochenabschluss bei unserer Freundin Anja auftauchten, um uns hoch über Bad Dürkheim bei netten Leuten und leckerem Essen etwas zu trösten, schrieb Anja es sich sofort auf die Fahne, einen anderen Hund für uns zu finden (sie hat selbst mehrere Hunde aus dem Tierschutz, aus Südeuropa). Es half nichts, ihr zu erklären, dass wir jetzt erst mal hundetechnisch pausieren wollten. Sie telefonierte und suchte, bis sie Gina für uns ausfindig gemacht hatte, eine fünf Jahre alte hübsche Hündin aus Bulgarien.

Das ist Gina:

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Bildhübsch und sehr, sehr liebevoll ist Gina. Sie stammt aus Bulgarien. Und auch sie hat ihre „issues“ aus der Vergangenheit, wie Balou. Allerdings ist es bei ihr exakt das Gegenteil: Gina ist so ängstlich und scheu, dass sie es gar nicht fertigbrachte, sich in unser Leben zu integrieren. Alles machte ihr Angst, sie näherte sich uns nur auf dem Bauch kriechend (es brach mir fast das Herz, sie so zu sehen). Zwar lernte sie schnell, uns auch mit Schmusen und Leckerli in Verbindung zu bringen, aber Gassi gehen war und blieb Stress für sie. Bei jedem Hund, der sich näherte, erstarrte sie förmlich zu Stein, und mein Gehstock war für die arme Kleine eine ständige Bedrohung… was muss sie mitgemacht haben, da in Bulgarien! Mit Fleischwurst und viel Lob gewöhnten wir sie an den Rolli. Leider streifte ich sie einmal versehentlich mit der Fußraste des Rollis, was ihre Angst neu schürte.

Sie tat uns so leid in ihrer Furcht, und wir hätten sie so gern in unser „Rudel“ integriert, aber es stellte sich schnell heraus, dass genau das der pure Horror für sie war. Denn der Prinz und ich machen gern und oft kleine Spontan-Ausflüge ( Eiscafé, ein Städtetrip, Essen gehen…), das bedeutet, wir sind viel unterwegs. Beim ersten Trip nach bad Dürkheim zu Anja fuhren wir allein, um Ginalina nicht zu ängstigen, denn dort laufen viele Hunde der Stammgäste frei herum. Gina war prima allein zu Hause geblieben. Sie freute sich, als wir zurückkamen, und hatte offensichtlich gepennt in der Zeit.

Aber: eigentlich wollten wir gern einen Hund, der mit uns zusammen on tour ist… was sollten wir mit Gina im Urlaub machen? Die fünf Stunden Fahrt bis Oldenburg im Auto: undenkbar für das kleine Nervenbündel. Hundepension? Ebenfalls ein no-go: neue Umgebung, neue Menschen, andere Hunde – undenkbar für ihre zarte kleine Psyche. Und unsere häufigen Spontantrips zur Eisdiele oder auf eine Weinschorle – mit Balou kein Ding, der fährt gern Auto und sitzt breit lachend in der Mitte des Rücksitzes und findet das alles toll. Für Gina hingegen: Stress pur.

Zum Schluss gaben wir ihr Bachblüten ins Trinkwasser, Rescue-Tropfen (die für Kinder, ohne Alkohol ; -) Das half ein wenig, doch bei Autofahrten, auch nur zum Supermarkt im Nachbardorf, musste ich trotzdem hinten bei ihr sitzen und sie im Arm halten. Wir waren völlig ratlos, was wir tun sollten. Wie riefen bei ihrer Pflegestelle an. Die Frau war sehr nett (sie bietet seit acht Jahren Pflegestellen für Hunde an) und sagte, wir sollten Gina zurückbringen. „Mein Mann wird sich freuen, der würde Gina nämlich gerne behalten“, verriet sie. Also machten wir die gleiche Tortur innerhalb einer Woche zum zweiten Mal durch: Hund zurück, trauriger Abschied. Gina wirkte sehr erleichtert.

Und bei uns der Zweifel: Sind wir mit unserem Lebensstil überhaupt dazu geeignet, einen Hund zu halten? Denn es soll ja um den Hund gehen, nicht um uns.
Wir müssen ja zugeben: Bei aller Liebe zu Hunden – wir haben im Grunde keine Erfahrung mit ihnen. Und wir hätten gern, dass so ein vierbeiniger Hausgenosse uns therapiert, sozusagen (Bewegung für den Prinzen nach seinem Herzinfarkt, Motivation zum Laufen und Trainieren für mich, und Spaß für die Psyche). Uns fehlt die Erfahrung, Therapeuten für einen seelisch beeinträchtigten Hund zu sein. So sehr wir dahinter stehen, dass wir gern einem Tierheimhund ein gutes Zuhause geben möchten (denn jeder beim Züchter gekaufte Hund verringert die Chancen eines Hundes im Tierheim) – wir packen das einfach nicht, denn gerade Hunde aus Süd- oder Osteuropa sind durch ihr Leben auf der Straße psychisch so geschädigt, dass auch in harmlosen Alltagssituationen Reaktionen getriggert werden können, die einen völlig überraschen. Man kann halt mit dem Hund nicht über seine Erfahrungen sprechen. Bei Balou konnten wir nur erraten, dass er wohl viel hat kämpfen müssen. Und Gina muss viel Prügel bekommen haben. Das kann man nicht einfach aus der Seele löschen. Wir haben jetzt beschlossen, erstmal ruhig zu bleiben und abzuwarten. Denn sowohl Ginas “Pflegemutter“ als auch unsere tolle Freundin Yvonne haben beide gesagt: Irgendwo da draußen ist er und wartet auf uns – unser Hund. Wir warten jetzt einfach auf ihn/sie. Wird schon. Muss ja nicht von Jetzt auf Nachher sein.

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3 Kommentare zu “Hündisches, aktualisiert

  1. Hi Liebes,
    danke für die Erwähnung. Und schön, dass ihr eure Denkweise in die Richtung geformt habt, dass ihr Grenzen akzeptiert, die euch als Hundehalter-Neulinge einfach aktuell noch gesetzt sind.

    Auch wenn ich mir jetzt vielleicht viel, viel Schelte einfange, sage ich trotzdem, was ich denke:
    auch Züchter haben tolle erwachsene Hunde (ich rede jetzt NICHT von Welpenvermehrern und auch nicht von überschüssigen Babyhunden!), die sie immer wieder mal abgeben.
    Gute Hundezüchter schauen auf den Rasse-Erhalt und überzüchten nicht. Dementsprechend lassen diese die Ladies auch nicht bis zum Lebensende Welpen werfen und die Jungs nicht bis ins hohe Alter decken.
    Im Regelfall ist nach 2 – 3 Würfen für eine Hündin Schluss in einer verantwortungsvollen Zucht.

    Solche Hunde sind grundsätzlich perfekt sozialisiert und an alle möglichen Außen- und Innensituationen gewöhnt. Um gute Zuchtzulassungen zu bekommen, MÜSSEN sie nämlich in Verbänden vorgestellt werden und werden hier auch auf ihr Wesen getestet.

    Was ich sagen mag: schaut doch mal, ob ein Züchter einer für euch akzeptablen Rasse nicht vielleicht eine reifere Dame oder einen Herren abzugeben hat.

    Es ist nämlich wirklich, wie Du es schreibst: ihr seid einem Hund mit unklarer Vergangenheit einfach (noch) nicht gewachsen. Der Prinz vom Wissen her noch nicht und Du vom körperlichen noch nicht.

    Und jetzt möge man mich teeren und federn, dass ich in EUREM Fall von einem südländischen Tierheimhund abrate. (Wie ich es auch übrigens bei Haushalten mit kleinen Kindern tue!)
    Aber ich stehe zu meiner Meinung.
    Isch abe färtick.
    Und Dich zudem noch lieb. 🙂

  2. ach Frau Lakritze, das ist ja etwas doof alles.

    uns ging es ja ähnlich.
    6 oder 7 Wochen nach Bills Tod hatten wir einen tollen Hund im Tierheim Köln-Zollstock gefunden, Bob.
    Wir wurden vorgewarnt das er schon einmal gebissen haben soll, wir, vor allem die Liebste, hatten allerdings von Anfang an ein tolles Verhältnis.
    Laufen, toben, spielen, alles kein Problem, bis es abends dunkel wurde.
    Dann mutierte der tolle Hund zur kleinen Bestie, ließ sich nicht mehr anfassen und knurrte jeden an.
    Im Endeffekt mussten wir ihn wieder zurück ins Tierheim bringen und ich konnte 3 Wochen lang nicht vernünftig laufen weil er mich einmal herzhaft in den Fuß gebissen hatte als ich auf dem Sofa lag und er daneben.

    Anschließend wurden wir auf Sally aufmerksam gemacht, die seitdem bei uns lebt, und auch aus dem Tierschutz kommt.

    Kurz gesagt: irgendwann findet Ihr einen tollen Hund der genau zu euch passt. 🙂

  3. Hoi
    Danke für das ausführliche Update zum traurigen Hundethema. Es ist schön, dass Ihr so reflektiert handelt und die Erkenntnis, dass es – momentan – nicht möglich ist, einen «Hund mit Geschichte» in Euer Leben aufzunehmen, umsetzt, anstatt schlussendlich Euch und die Tiere (in Balous Fall auch die Katzen) unglücklich zu machen.

    Anregend finde ich Yvonnes Vorschlag, sich mal nach älteren Züchterhunden umzusehen. Es ist so, wie sie es schildert mit deren Abgabe. Und vielleicht wartet ja in der für Euch unerwarteten Ecke «Euer» Hund.

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