Frau Lakritze testet

My dearies,

soeben hat mich eine sehr nette Mitarbeiterin der Stadtverwaltung angerufen und mich für den kommenden Dienstagmorgen ins Rathaus eingeladen. Grund: Vor dem Hallamati waren der Prinz und ich sehr häufig in der Stadt unterwegs, und da wir ziemlich verfress- ääähm, gerne essen, waren wir oft in verschiedenen Bistros, Cafés und Restaurants zu finden. Seit ich wieder zu Hause bin und auch in der Stadt einigermaßen gut mit Rolli und/oder Gehstock zurechtkomme, haben wir diese Gewohnheiten wieder aufgenommen, weil es mir wichtig ist, dass ich mich nicht einschränken lasse, sondern mein/unser Leben bewusst genieße. Verdorben wird mir der Spaß dabei allerdings oft dadurch, dass mir schon der Weg hinein durch Treppen oder viel zu eng gestellte Tische erschwert wird oder – noch schlimmer – die Toiletten im Ober- oder Kellergeschoß sind, ich sie also nur über eine kraftraubende Treppe erreichen kann. Einige Betriebe besuche ich deswegen gar nicht mehr, andere allerdings liebe ich so sehr, dass ich zu Kompromissen bereit bin. Ich habe eine Sextanerblase, muss also, wenn wir irgendwo essen/was trinken gehen, fast zwanghaft pinkeln gehen. Im Tivoli, dem italienischen Restaurant, in dem wir am 11.November jetzt immer meinen zweiten Geburtstag feiern, ist die Toilette im Keller. Das Geländer ist links, auf meiner geschädigten Seite. Ich löse das, indem ich einfach rückwärts runtergehe (bin ja inzwischen gewöhnt, von fremden Menschen angeglotzt zu werden wie ein Affe im Zoo). Raufgehen ist dann leicht. Im Thai-Bistro ist die Toilette oben, aber: die Treppe “wendelt“ im oberen Drittel, und das Geländer ist auch links. Rauf komme ich mit Hilfe des Prinzen oder indem ich mich an der Wand abstütze. Runter ist die Hölle, da die Stufen auf dem „gewendelten“ Teil sehr schmal werden, da muss der Prinz mir meinen Fuß mit seiner Hand richtig aufsetzen. Deshalb gehe ich, wenn wir dort essen gehen wollen, schon vorher zu Hause aufs Klo. Wie ein Kind – „Musst du nochmal Pipi?! „Nee, Mama.“ : – )) Bei Vapiano sind die Toiletten meist ebenerdig, wie auch bei unserem Stamm-Italiener hier, dem Pepe e Sale. Also, vor kurzem beschloss ich, mir eine Liste zu machen, wo die Toiletten wie zu erreichen sind bzw. welche anderen Hindernisse zu überwinden sind. (Bei Hussel z.B. sind die Regale derart eng gestellt, dass ich mit dem Rolli kaum eine Chance habe, durch den Laden zu kommen, ohne Ware mitzureißen (dasselbe im Kaufhof).

So wurde die Liste in meinem Kopf, die zunächst nur für mich bestimmt war, zu einem Behindertenführer für Worms, der neben Gastronomiebetrieben auch durchaus bekanntere Geschäfte und Sehenswürdigkeiten der Stadt beinhalten kann. Diese Idee bot ich Ende der letzten Woche der Tourismus-Abteilung der Stadt an. Diese leitete meine Mail an den Oberbürgermeister weiter, dem die Idee scheinbar gefällt. Denn ich habe am nächsten Dienstag um 10.00 Uhr einen Termin bei der Stadtverwaltung (der Seniorenbeirat wird auch dabei sein – logisch, denn der größte Teil der gehbehinderten Menschen sind ja alte Leute, ich war in der Klinik damals bei Weitem die jüngste Patientin auf der Station)).

Ich hatte angeboten, meine Testergebnisse schriftlich festzuhalten und werde mir bis Dienstag noch ein Konzept ausdenken – ich denke, die von der Stadt werden auch eine Idee haben, wie sie das gerne durchziehen würden.

Was meint ihr dazu? Gute Idee oder Scheiß-Idee? Ich denke, wenn ich schon diese Scheiß-Erkrankung habe, kann ich wenigstens etwas Positives daraus machen und anderen Betroffenen helfen… Ich halte euch auf dem Laufenden!

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5 Kommentare zu “Frau Lakritze testet

  1. klasse Idee!

    jetzt mal so vom spontanen Gedanken her, wahrscheinlich gibt es ja schon noch so 2-3 Leute im Städtchen die das interessieren könnte.
    wenn Du das eh in einer Form sammelst und auflistest kann man anderen dadurch, und ohne großen zusätzlich Aufwand, natürlich schon gut und einfach helfen. mal abgesehen davon, das das natürlich auch einige besuchte Lokale oder Einrichtungen als Werbung ansehen könnten.

    und von der Stadt-Seite her natürlich einfach ein Service den man Einheimischen und natürlich auch Gästen anbieten kann.
    schön! 🙂

  2. Hier ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Geschaefte und Restaurants so eingerichtet sind, dass man mit Rollstuhl gut rein und raus kommt. Ich glaube, das Gesetz trifft auf seit weiss-nicht-wielange Jahre vorher neu zu bauende oeffentliche Gebaeude zu. Natuerlich gibt es noch schwierigere Restaurants/Laeden. Aber alles neu gebaute muss zugaenglich sein.

  3. Ergaenzung: Mein Vater war kriegsbeschaedigt, er hatte im 2. Weltkrieg ein Bein verloren. Was ihn nicht vom Leben abhielt. Er arbeitete voll bis in seine sechziger Lebensjahre, obwohl 80% kriegsbeschaedigt. Das einzige, dass ihn wirklich sehr aergerte, war, wenn die Behinderten Parkplaetze von Nicht-Behinderten belegt wurden.
    Ich hoffe, dass Ihre Zusammenarbeit mit der Stadt erfolgreich ist, ich druecke die Daumen, dass alles klappt, so wie Sie sich es vorstellen!

  4. Pingback: Kamelle, dat Heft kütt! – Lakritz und Schokolade

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