Gemischte Botschaft

Kürzlich hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis in der Stadtmitte:

Wie so oft in letzter Zeit, haben wir den Rolli im Auto gelassen, ich gehe  zu Fuß. Schon bald höre ich, wie sich hinter mir das gefürchtete Geräusch nähert: *Klatschklatschklatsch* – das Trampeln rennender Kinder. Etwas panisch schaue ich mich nach etwas zum Festhalten um: Laternenpfahl oder Verkehrsschild, Hauswand, Zaun, Sitzbank … dummerweise komme ich aber gerade an einen offenen Platz. Nix zum Festhalten. Da kommt er schon: ein Junge von ungefähr sieben Jahren rennt rechts an mir vorbei, guckt natürlich nicht richtig und tritt mir den Gehstock weg. Zum Glück hatte ich mich rechtzeitig ausbalanciert und falle nicht hin, schreie aber unwillkürlich kurz auf vor Schreck. Der Junge rennt einfach weiter, ok, das kenne ich schon – Eltern, die ihren Kindern das Wort „Entschuldigung“ beibrachten, sind scheinbar schon im Pleistozän ausgestorben ; – ) Oder sie reagieren wie diese Eltern. Wie ich dem rennenden Jungen so nachschaue, geschieht etwas Verblüffendes: Er flitzt an einer anderen Frau vorbei, die packt ihn blitzschnell am Oberarm und dreht ihn herum, so dass er wieder auf mich sieht. Sie schüttelt ihn leicht. Ich höre, wie sie streng zu ihm sagt:“ So – jetzt schau dir die Frau an!“ Er windet sich, senkt den Kopf, macht einen trotzigen Schmollmund. Sie redet weiter auf ihn ein, ich verstehe aber nichts mehr. Der Junge versucht sich loszumachen, aber seine Mutter lässt ihn nicht. Ich bin verblüfft, so etwas bin ich gar nicht gewöhnt. Normalerweise reagieren Eltern überhaupt nicht, wenn ihre Kinder um mich herum Fangen spielen oder dicht vor mir stehen und mich anstarren. Auch nicht, wenn ihre  Kinder mich anrempeln. Sie schauen ganz einfach weg. Das hier ist etwas völlig Neues für mich.

Gerne hätte ich mich bei der Mutter bedankt, aber ich bin ja leider noch sehr langsam, und bis ich näher komme, hat sie schon kapiert, dass ich zu ihr gehen will, und läuft weg, den Jungen hinter sich herziehend. Schade. Ich hätte ihr gerne gesagt, dass sie da gerade etwas Besonderes getan hat und dass ich das zu schätzen weiss. Leider hat sie aber so reagiert wie neun von zehn Menschen, in deren Nähe ich komme – egal ob mit Rolli oder Gehstock: Panik und schnell weg. Oh Gott, die ist behindert. UND die kommt auf mich zu- bloß weg hier! So hat der Junge von seiner Mutter eine gemischte Erziehungs-Botschaft bekommen: Auf behinderte Menschen muss man Rücksicht nehmen –  man ignoriert sie aber auch und sieht zu, dass man aus ihrer Gegenwart möglichst schnell verschwindet. Schade. Erwachsene, die sich unbefangen mit mir unterhalten, sind so selten wie ein Aye-Aye. Fast ausgestorben. (Auch dazu werde ich ein eigenes Kapitel in meinem Schlaganfall-Ratgeber schreiben.) Na, bald bin ich ja wieder gesund.

2 thoughts on “Gemischte Botschaft

  1. Dazu gebe ich doch gern mal meinen Senf ab, ne?! 🙂

    Punkt 1: ich fühle mich – ja, ich darf es unumwunden zugeben – gottgleich, weil ich tatsächlich und ohne schummeln wusste, was ein Aye-Aye ist. Ohne den Link zu klicken, versteht sich.
    Huldigungen bitte nur von 16:24 – 17:31 Uhr am Framstag. Danke.

    Aber mal im Ernst jetzt: ich kann gut verstehen, dass Du – wohl aufgrund vieler negativen Erfahrungen – schon quasi davon ausgehst, dass es keine Entschuldigung gibt oder, noch schlimmer, keine Rücksicht auf Dich genommen wird.
    Umso schöner, wenn es doch kommt.
    Und ich gebe zu, dass mein Sohn mit 3 bereits weiß, wann man sich zu entschuldigen hat, dies aber leider nicht an der Tagesordnung bei allen Kids ist. Dessen bin ich mir bewusst.

    Ebenso mit dem Anstarren. Ich handele gerne offensiv: mir ist bisher noch nicht untergekommen, dass nach einem neugierigen Blick meines Filius auf einen gehandicapten Menschen, eine anschließende offene Frage, wie das denn gekommen sei, abgelehnt oder ignoriert wurde.
    Besser das Kind offen fragen lassen, den „wie auch immer Andersartigen“ nicht bedrängen, aber dadurch das (oft kindlich-natürliche) Starren in ehrliches Interesse am Gegenüber wandeln.

    Und was das Verschwinden der Mutter betrifft: ganz ehrlich, meine Liebe, bitte münze es doch nicht gleich auf Dich und Deine Situation. Warum gehst Du direkt vom Negativen aus, anstatt eine Auswahl an denkbar wahrscheinlichsten Begründungen wie „Kinderarzt-Termin in -3Minuten“, „kurzer Zeitslot, bevor der Haushaltswahnsinn weiterläuft“ oder „Parkticket läuft ab“ auch nur in Erwägung zu ziehen?
    Das finde ich sehr schade. Denn damit baust Du ein Negativ-Denken auf, dass ich gar nicht an Dir haben mag, weißt Du?!

    Sicher, es wird immer Menschen geben, die sich selbst nicht in der Lage sehen, adäquat auf die Behinderung von Menschen ein- und mit dieser umzugehen. Das ist nicht böse von denen, das ist die Angst vor dem Unbekannten.

    Und damit DIES in der nächsten Generation nicht mehr so häufig passiert, erziehe ich meinen Sohn wie oben genannt: nicht zu schüchtern und mit geradlinigem Interesse am Mitmenschen – besser fragen, als starren.

    Hab dich lieb, Maus! :-*

  2. Schatzi: du hast natürlich völlig Recht. Viele andere Leute sind auch sehr fix in der Stadt unterwegs, auch die, für die ich optisch in der Menge untergehe, die mich gar nicht sehen (können), wegen der vielen Leute. Die meisten sind einfach überfordert, weil sie nicht recht wissen, wie sie nun „politisch korrekt“ mit so einem behinderten Menschen umgehen sollen. Außerdem macht es ihnen schlicht Angst (was ist, wenn ich sowas auch mal kriege?) Bei mir ist es ja auch die Tatsache, dass ich ganz deutlich eben KEINE 80-Jährige Omi bin, bei der sowas als normal angesehen wird, sondern eben erschreckend im gleichen Alter wie die meisten, also „im besten Alter“ *lach* Das macht das Thema für viele noch realer und damit erschreckender.

    Das alles WEISS und verstehe ich, aber das weiß ich im Kopf. Es ändert nichts daran, dass es weh tut, wenn ich ein Café betrete und beim Suchen eines freien Tischplatzes die Panik in vielen Gesichtern sehe. Und ja, das HAT mit mir zu tun – oh Gott, die will sich doch nicht zu mir…?! Einmal sind zwei Frauen aufgesprungen und haben sich an einen anderen Tisch gesetzt. Da war nix mehr mit „Die hatten sicher Rückenschmerzen vom Stuhl“ oder so… das HATTE mit mir zu tun – und es tat weh. Ich vermeide Selbstmitleid nach Kräften, das mag ich nämlich auch nicht, aber ich mache das alles jetzt seit drei Jahren mit und ich habe viel gelernt, auch unterscheiden.
    Uuuund: Ich hab dich auch lieb, Schneggi! ❤ :*

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