Früher war alles besser

Haha, nein, Omma Lakritze lehnt nicht im offenen Fenster, Kissen unter den Ellbogen, und schimpft mit anderen Rentnern über „Heutzutage“. ; – )))

Nein, es geht vielmehr um eine Erkenntnis und einen Entschluss, den ich als Resultat daraus gefasst habe (fassen MUSSTE, aus Selbstschutz.)

 

Am Mittwochabend der letzten Woche  war ich im Kampfsport-Training. Und es war total klasse. Wie ich sofort sah, ist Kuk Sool Won eng mit Tae Kwon Do verwandt. Es war ein Gefühl, als käme ich nach langer Zeit nach Hause – alles so vertraut. Meister Kwon empfing mich erfreut und stellte mir netterweise einen Stuhl mitten in die Gruppe (die mich glücklicherweise sehr nett und gelassen behandelte, da sie meine Behinderung ja schon durch Daniel kennen). Daniel war übrigens leider gerade an diesem Abend nicht da. Der Dojang (= Trainingsraum) ist mit Tatami-Matten ausgelegt (weiß jemand, wie man das richtig ausspricht? Welche Silbe von „Tatami wird betont?)

Die Gruppe war schon mitten im Aufwärmtraining, und das war sooo vertraut.. sogar die Begriffe sind gleich, wie zum Beispiel das Kommando „ap-chagi“ – aber klar: Kuk Sool Won und Tae Kwon Do sind  beides koreanische Sportarten. Meister Kwon erklärte mir, ich solle einfach zuschauen und, wenn ich Lust hätte, versuchen, eine Übung mitzumachen. Dazu zeigte er mir eine Haltestange an der Wand, in meiner Schulterhöhe, zum Festhalten. Ich schaute eine Weile zu und dachte oft “Ach ja, das konnte ich ja auch mal…“ Irgendwann fasste ich Mut, griff zur Haltestange und versuchte ein paar Übungen, vor allem den ap-chagi, den ich früher ziemlich gut beherrscht habe. Aber nach wenigen Minuten des Versuchens wurde mir deutlich, wie eingeschränkt mein Bewegungsradius noch ist und wie desolat meine Balance, zumal der linke Fuß sich unter Belastung kaum kontrollieren lässt – er ist noch sehr stark spastisch, er möchte sich dauernd auf die Außenseite drehen und die Zehen haben keine Lust, gerade zu bleiben – und das A und O bei diesen Sportarten ist ja ein fester, stabiler Stand auf beiden Fußsohlen. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, dass mir die Tränen kamen, und ich versuchte es verlegen zu kaschieren, indem ich so tat, als müsse ich niesen und husten, damit das Taschentuch in meiner Hand nicht auffiel.

Meister Kwon aber hatte mich wohl über die Spiegelwand unauffällig im Auge behalten, denn plötzlich stand er bei mir und sagte in seiner stillen, herzlichen Art: „Wissen Sie, wenn wir mit unserer linken Seite arbeiten, ist das für uns alle schwer, so wie für Sie. Sie sollten nicht frustriert sein. Üben Sie einfach weiter. Sie machen das sehr gut“. Dann klopfte er mir auf die Schulter und ging weiter. Da ging mir erst auf, wie oft ich mein jetziges Leben mit dem früheren Leben vergleiche, als alles noch gut war. Und mir wurde klar: das darf ich nicht mehr tun. Klar, ich bin weit gekommen für eine, die vier Tage lang im Koma gelegen hat, und ich bin durchaus froh darüber und zufrieden damit, was ich schon wieder alles tun kann. Aber die Vergleiche mit dem, was mal war und was ich mal tun konnte, das muss aufhören. Es liegt an mir – ich akzeptiere, was ist – oder meine Seele wird daran zerbrechen.

Ich denke, Akzeptanz habe ich schon ganz gut erreicht – es macht sogar Spaß, auszuprobieren, was ich alles noch so tun kann wie früher (wie die Geräte am Trimm-dich-Pfad und die Kinderschaukeln auf dem Spielplatz im Wormser Wäldchen).

UND: Akzeptanz darf niemals gleichbedeutend mit Aufgeben sein – denn aufgeben werde ich niemals! Ich will wieder laufen und beide Hände normal benutzen können – dafür bin ich auch bereit, sehr hart zu trainieren, und wenn es mich körperlich noch so fertig macht. „Von nix kommt nix“, sagt man bei uns im Ruhrpott, und es wird Zeit, dass ich den Kampfgeist, den ich von Mutter und Oma geerbt habe, mal zu voller Blüte erstrahlen lasse ; – )

Also, Frau Lakritze schreibt jetzt hundert Mal an die Tafel:

Ich soll mich nicht mit früher vergleichen.

Haltet mir die Daumen, dass ich das hinkriege.

 

 

P.S:Service-Hinweis

Dieser Blogbeitrag wurde geschrieben am: Mittwoch, den 16.Juli (meinem freien Tag!)

Ort/Zeit: ZU HAUSE, NACHMITTAGS : – ))))

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