Einkaufen bei Herrn Strauss

Bekleidungsgeschäft. In den Sesseln vor der Umkleide sitzen müde Männer.

„Schatz, guck mal, steht mir das?“

„M.“

„Oder doch lieber das gelbe? Mit den engen Ärmeln?“

„M. Ist auch gut.“

„Nu sag doch mal!“

„Ja. Steht dir beides gut, Schatz.“

Bekannt? Aber das geht auch anders. Bei Engelbert Strauss zum Beispiel.

Was Conrad für Elektronik, ist Herr Strauss für Klamotten. Klamotten für Kerle. Und damit sind richtige Kerle gemeint. Solche, die dicke schwere Boots mit Stahlkappe über den Zehen tragen und breite Ledergürtel mit 74 1/2 Taschen für Werkzeuge. Ausgeklügelte Arbeitshosen mit Zwillingsreißverschluss und Taschen vor den Knien, in die man raffiniert gestaltete Kniepolster einlegen kann. Jacken und Westen, die Namen wie dryplexx, image und action haben. Ein Männerparadies.

Das Männerparadies hat auch eine Sitzecke, die auf den ersten Blick sehr schick wirkt und auf den zweiten Blick zeigt, dass sie aus grau gestrichenen Europaletten mit roten Sitzpolstern besteht. Wasser und Kaffee aus Automaten kann man auf grau gestrichenen Europaletten mit einer Glasplatte abstellen. (Coole Idee, Herr Strauss.)

In der Sitzecke sitzen müde Frauen. Ihre Männer sind auf der Jagd, irgendwo zwischen den Dreimeterregalen aus Leimholz und Metall, in denen sie ihre Beute wittern Form von T-Shirts, kurzen und langen Hosen, coolen Kappen und Gürteln. Alles mit dem Strauß geschmückt und in Erwartung, von den Jägern erlegt zu werden.

Die Männer kommen nicht alle drei Minuten zu ihren Frauen, um „Guck mal, Schatz“ zu sagen. Sie sind auf der Jagd, sie sind abgetaucht in eine Welt der Kerle, des Schweißgeruchs und der Muskeln. Eine Welt des Maschinendröhnens, der Kreissägen und Betonmischer.

Die einzigen Frauen, die sich aktiv im Verkaufsraum bewegen, sind eine Mutter und ich. Die Mutter begluckt ihren jungen Sohn, der offenbar eine Ausbildung beginnt und nun Berufskleidung braucht. Hinter dem Vorhang der Umkleidekabine erklingt ein genervtes „Mamaaaa… ich werde viel im Kühlraum arbeiten, da nutzt mir diese Hose nix! Jetzt lass mich mal machen!“

Nachdem der Prinz vor dem Spiegel ausführlich sieben exakt gleich aussehende Zimmermannshüte aufgesetzt und geprüft hat und ich das erwählte Stück zwanzig Minuten lang hinter ihm hergeschleppt habe, weil er fünf verschiedene Arbeitshosen anprobieren musste, brauche ich einen Kaffee. In der Sitzecke treffe ich auf eine junge Türkin, die sich an einem starken Espresso festhält, und eine rundliche Frau, deren ebenso rundlicher Jack-Russell-Terrier auf einer Leopardenmusterdecke im Einkaufswagen sitzt. Wir Frauen reden ein bisschen, ich schmuse mit dem dicken Hund und mache mich wieder auf die Suche nach dem Prinzen.

Den finde ich in der Schuhabteilung, strahlend und leicht verschwitzt. Umgeben von sechs offenen Schuhkartons, sehr vielen durcheinander liegenden schwarzen Schuhen und einer netten blonden Verkäuferin. „Die haben wir auch noch mit Lüftungsschlitzen an der Seite“, sagt sie gerade, „welche Sicherheitsstufe soll’s denn sein?“

„Och, Eins reicht“, sagt der Prinz, und zu mir: „Guck mal, Schatz! Die hier sind toll!“ Er wackelt mit den Füßen, an denen schwarze Schuhe mit schwarzen Laschen prangen. Und Stahlkappe über den Zehen, natürlich.

„Ah, schön“, sage ich tapfer.

„Welche gefallen dir denn am besten? Such doch mal welche aus, die du gerne an mir sehen würdest.“

Ich schaue mich um. Ich sehe Schuhe. Schwarze, braune, schwarzbraune… die meisten sehen aus wie Wanderboots. Dann bleiben meine Augen an einer leuchtenden Kombination aus Neongelb und Neongrün hängen. Fieberhaft greife ich danach. „Hier! Zieh die mal an!“, sage ich und drücke sie dem Prinzen in die Hand. Er schaut sehr verzweifelt. Ich muss ihm aber zugestehen: mir zuliebe zieht er sie an und läuft ein paar Schritte damit.

„Fühlen sich gut an…“ sagt er zaghaft. Als er dann entdeckt, dass es dieses Modell auch in Schwarz gibt, glätten sich die Falten auf seiner Stirn schlagartig. „Die nehme ich!“ sagt er und drückt sie der Verkäuferin in die Hand. „Und jetzt brauche ich noch einen Gürtel, der -“

„Schatz“, sage ich, „ich bin mal nebenan, ok?“

Nebenan: das ist eine Bäckerei, die ein paar einladende Tische draußen vor dem Parkplatz aufgestellt hat. Die Frau mit dem dicken Hund ist schon da, andere Frauen stehen an der Theke und ordern lebensrettenden Latte Macchiato.

Einen Cappuchino und ein Mozzarellabrötchen später kommt ein strahlender Prinz aus dem Geschäft von Herrn Strauss, beladen mit drei riesigen rotweißen Tüten. Den neuen Hut hat er gleich aufgesetzt. Steht ihm prima.

Schnaufend lässt er sich am Tisch nieder. „Geht’s dir gut?“ frage ich grinsend und küsse ihn.

„Ja!“ sagt er mit leuchtenden Augen. „Die hatten da noch so ärmellose Westen mit so Seitentaschen, da könnte ich Objektive drin unterbringen. Aber die guck ich mir beim nächsten Mal an.“

Die Frau mit dem dicken Jack-Russell-Terrier zwinkert mir zu. Ihr Mann beißt knurrend in ein Fleischkäsebrötchen. Die erlegte Kleidung kann er ja nicht essen.

11 thoughts on “Einkaufen bei Herrn Strauss

  1. Das klingt, als hätte da jemand eine riesengroße Marktlücke gefunden und wäre mit meinen Füßen hineingesprungen🙂

  2. Stjama: doch, das ist schon ein toller, sehr beeindruckender Laden. Und: ich liebe das Logo, mich hat noch nie ein Firmenlogo so restlos begeistert. Dieser Strauß ist einfach wunderschön.

    Corinna: Danke!😉

  3. Da muss ich direkt mal ein verschrecktes „Oh mein Gott“ ausrufen!
    Ist das wirklich so schlimm, wenn Männer einkaufen?!
    Oder liegt das am Strauss?!
    Ich wusste gar nicht, dass die sowas haben und bin eher verwundert, denn neulich schenkte mir SchwieMu 2 supisüße, glitzernde Seidenkisschen, gekauft bei Strauss.
    Oder ist das ein anderer Strauss?
    Bisher hatte ich Glück und musste nie mit ’nem Kerl zum Klamottenkauf. (Außer mit Sohn, aber der ist 1. kein Kerl und 2. unkompliziert & schnell)
    Himmel sei Dank!

  4. Habe erstmal googeln müssen und den Fehler entdeckt:
    Die Kissen sind von „Strauss Innovation“, das ist wohl das weibliche Pendant zu „Engelbert Strauss“😉

  5. Boah ey, Juliane! Musste das sein?! Solche Läden sind gefährlich für mich! (Danke für den Hinweis. Hehe.)

    Markus: also bei den vielen Baustellen bei euch wären ein paar von den Strauss-Klamottis schon angebracht, oder?🙂

  6. Hihi … da waren war ich mit zwei Männern (Thomas und Olli) gleichzeitig auch schon! Guck heute Abend mal bewundernd auf Thomas Jeans, wenn er heimkommt. Den Strauss hat er allerdings abgetrennt😉.
    Ach ja. Und auf die Jacken, die an der Garderobe hängen.
    Ach. Und die Schuhe. Nicht zu vergessen das Fleeceshirt, das liegt aber nicht offen rum. Sorry.😉

  7. äh, wie meinen?
    also meine eigenen Baustellen?
    hab ich grad keine. wenigstens nicht zum bauen…🙂

    nee, Ernst beiseite, die eine Große mit Straße und Kanal und so nebenan ist ja fertig, dafür gibt es momentan 2 neue, also so Haus-Baustellen, und die nächsten 9 sollen in den nächsten 3 Wochen anfangen.

    super Baustellenlärm bei offenen Fenster & Türen inklusive.
    ich freue mich wirklich.
    hmmm.

    (aber toller Abenteuerspielplatz für mittelgroße Hunde)

  8. :-))) nun, ich denke, ich muss wirklich ziemlich bald mal auf ne Tasse Kaffee bei dir vorbeischauen😉
    Wieder eine Firmenwelt, die mir doch recht vertraut ist…
    Die Firma gibt es schon ne ganze Weile und ihr Werdegang ist beeindruckend.
    Übrigens nicht nur für Männer toll, in unserer Familie kleiden sich auch die Mädels für ihre Praktika bei Engelbert Strauss ein.
    Gummistiefel „Farmer“, unverzichtbar für Arbeit im Kuhstall😉, praxiserprobt und sehr bewährt!

    Toll erzählt, ich muss so schmunzeln…ein knurrender Mann, der mit Fleischkäsbrötchen gefüttert wird *g*…

    Wie siehts aus? Bin die nächste Zeit immer donnerstags um die Mittagszeit im Wormser Klinikum. Meinst du, ich könnte da mal danach bei dir vorbeischauen?

    LG
    mondblume

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