Maximilian Buddenbohm: Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein

Dies ist lange überfällig – schon vor Weihnachten war ich zu meiner Freude eine Testleserin von Maximilian Buddenbohms zweitem Buch Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein geworden. Das hier ist es:

Warum mag ich dieses Buch? Man mag oft Bücher, die eigene Gefühle und Erinnerungen anklingen lassen und jeder Leser mag ein Buch aus anderen Gründen. Man kann nur für sich selbst sprechen.

Ich mag das Buch aus vielen Gründen. Weil ich, anders als Herr Buddenbohm, Travemünde mag. Ich mag Sommerferienorte im Nicht-Sommer. Ich mag das Melancholische, das Leere, das Langweilige – gut, ich mag das für ein paar Wochen, ich musste nicht meine gesamte Jugend dort verbringen. Obwohl: Oberhausen-Osterfeld im Ruhrpott ist genauso eine Strafe, wenn man 15 Jahre alt ist.

Dann mag ich natürlich Buddenbohms Schreibstil, das ist fast überflüssig zu sagen, sonst läge so ein Buch schon längst auf dem Verschenken-Stapel. Ich lese gern Erzählungen, bei denen die Sprache so webt und klingt, dass ich in der Geschichte mit drin bin, daneben stehe und alles sehe, höre und erlebe, was ich lese. Das kann nicht jeder Autor. Der Buddenbohm kann. Und er kann Gefühle, was man von einem Hanseaten ja eher nicht erwartet.

Kleine Kostprobe aus der Geschichte Das Riesenschaf:

Tatsächlich war der Schreck… dann so einer, bei dem man sofort Blut im Mund schmeckt, bei dem das Rückenmark blitzgefriert und das Herz erst aussetzt und dann hektisch, stolpernd und orientierungslos versucht, in den alten oder doch zumindest in irgendeinen Takt zurückzufinden, ein Schreck, bei dem man keine Luft mehr bekommt, ganz sicher ist, jetzt sterben zu müssen und nur hofft, dass es bitte, bitte schnell gehen möge. So ein Schreck, bei dem man zwei, drei Minuten braucht, ehe man wieder halbwegs klar denken kann, und bis dahin nur sinnlose, fiepende Geräusche von sich gibt.

Meine Lieblingsgeschichte ist Ein Herrengedeck für Canaris – die Geschichte einer großen Phantasie, die Wochen langweiliger Ferien erleuchtet und mit Feuerwerk erfüllt, bis sie zum Schluss doch in sich zusammenfällt, eine große Enttäuschung, die ein Loch hinterlässt, eine Leere… und blöd lachende Erwachsene, die nicht einmal merken, was sie kaputtgemacht haben.

Natürlich – und das ist bei solchen Kommentaren über Bücher meist so – ist das alles völlig subjektiv und ich gebe gerne zu, dass ich viel selbst Erlebtes in diesem Buch wiederfinde und es auch deswegen so großartig finde. Ich habe natürlich  nicht die die Geschichten selbst so erlebt, aber es gibt viele Parallelen und die gähnende Leere meiner eigenen Pubertät, gepaart mit verzweifelten Versuchen, die erste Liebe zu finden, das entdecke ich in diesem Buch wieder und wundere mich, wie weit ich das alles verdrängt hatte.

Wer von Sarah liest, des jungen Buddenbohm (der damals ja noch nicht so hieß) erste große Liebe, weiß, wer den Mann ein für allemal auf Ostwestfälinnen geprägt hat. Durch und durch praktisch, unromantisch und gerade deswegen merkwürdig faszinierend. Travemünde ist auch Osterfeld und es ist viele, viele Orte auf der Welt, in der jemand vom Kind zum jungen Erwachsenen wird und sich wundert, warum das so dröge und langsam vor sich gehen muss, warum man jahrelang wie durch Melasse schwimmen muss, um irgendwann endlich einen Sinn zu finden in all dieser Merkwürdigkeit.

Das Buch handelt aber nicht nur von der Kindheit und Jugend Buddenbohms, sondern auch von den anderen Leuten, die dort leben, am Ostseestrand. Von Rentnern und Kioskbesitzern und Touristenmädchen und Leuten, die zu Alkoholikern werden und von Menschen, die glauben, sie hätten das gefunden, was sie gesucht haben. Und die dann entdecken, dass sie das, was sie gesucht haben, nicht in Travemünde finden können, weil sie es nicht in sich selbst gesucht haben. Und trotz aller Melancholie schafft es Maximilian Buddenbohm, das alles mit seinem pointierten Witz und einer wirklich großartigen Sprache zu erzählen.

Das Buch ist ein Vergnügen und ich habe zu meiner Freude bei Twitter gelesen, dass das Manuskript für das dritte Buch bereits abgeschickt ist. You go, Buddenbohm!

One thought on “Maximilian Buddenbohm: Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein

  1. Pingback: Das Rosinenbrötchen « Lakritz und Schokolade

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s