Backstein-Erinnerungen

Uli Stein schrieb in seinem Notizbuch am 12.09. darüber, dass er einen Ort seiner Kindheit aufgesucht und fotografiert hat – lauter schöne alte Backsteingebäude, darunter ein ehemaliger Kolonialwarenladen, in dem er mit seiner Mutter regelmäßig einkaufen ging.

(Bald schauen gehen, denn die Einträge bleiben nur zwei Wochen drin.)

Das hat mich an die Siedlung erinnert, in der ich aufgewachsen bin, in Oberhausen-Osterfeld (Ruhrgebiet). Das war eine Arbeiterhäuschen-Siedlung der Thyssen-Hütte. Mein Opa war dort angestellt, später machten auch die Brüder meiner Mutter dort ihre Ausbildungen als Schlosser.

Die Siedlung, in der ich aufgewachsen bin, steht nur noch teilweise. Die Hausreihe, in der unser Häuschen stand, ist abgerissen worden, aber die Reihe um die Ecke wurde glücklicherweise von freundlichen Hausbesetzern gerettet und heute steht der Rest der Siedlung unter dem verdienten Denkmalschutz.

Das ist ein Teil davon:

Was man hier sieht, sind sogenannte „Meisterhäuser“, die waren größer als die einfachen Arbeiterhäuser. Unser Haus hatte die Tür ebenerdig und nicht so ein schön ausgebautes Dach. Das hier ist die Werkstraße, von uns einfach „die Werk“ genannt. Also man fuhr mit dem Roller „einmal um die Werk“.

Die Osterfelder Straße, meine Straße, läuft hinter dem Betrachter links und rechts, sie ist lang und führt heute auf das Einkaufsmonsterzentrum CentrO zu. Früher führte sie direkt zum Werksgelände – der Bus, der uns in die Schule fuhr, brachte uns jeden Morgen an Kühltürmen, Hochöfen, Werkshallen und Verwaltungsgebäuden der Thyssen-Hütte vorbei. Die Buslinie führte praktisch mitten durch das riesige, stadtgroße Werksgelände.

Und so bin ich bis zu meinem siebten Lebensjahr (1968) aufgewachsen:

So sah es hinter den Häusern aus. Das hier ist die Siedlung Eisenheim, sie steht auch unter Denkmalschutz und sieht jetzt natürlich super gepflegt und geschönt aus. Aber sie ist identisch mit meiner Siedlung Ripshorster Straße.

Ihr müsst euch statt des Pflasters Erde vorstellen. Außerdem in der Mitte einen kleinen Bach, der vor jedem Stallgebäude ein Bretter- oder Eisenblech-Brückchen hatte. So hübsch mit Pflanzen davor, das gab es damals nicht, das ist alles modern.

Neben jedem Stall gab es ein Plumpsklo, das wir auch benutzten, denn im Haus gab es kein Klo und auch kein heißes Wasser. Nur Kaltwasserhahn. In jedem Haus wohnten vier Familien, an jeder Hausseite war ein Eingang.

Hinter den kleinen Stallgebäuden gab es für jede Familie einen Garten. Wir nutzten unseren nicht, nur zum Spielen, aber viele Nachbarn bauten Gemüse an.

Direkt nebenan flossen der Rhein-Herne-Kanal, von dessen Brücke ich vielen Schiffen nachwinkte, und die Emscher, eine pechschwarz glänzende Brühe, die uns Kindern große Angst machte.  Sie wurde als Abwasserabfluss genutzt. Heute wird an der Renaturierung gearbeitet.

Mit meinem Eintritt in die dritte Grundschulklasse zogen wir weg dort. Meine Eltern waren geschieden und meine Mutter fand eine moderne Etagenwohnung in der Ortsmitte.

Fotos: mit herzlichem Dank an rheinruhronline.de

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Amici veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu “Backstein-Erinnerungen

  1. Hach, das ist so richtig Kohlenpottromantik…….
    Ich bin ja in Lirich aufgewachsen, aber auch da gab es solche Straßenzüge. Und Oppa, väterlicherseits, hat in Osterfeld gewohnt, immer wenn Koks gelöscht wurde musste man flott das Fenster zu machen, sonst gab es fiesen Kohlenstaub auf allen Möbeln. Die Kokerei war so dicht dran, wenn da der Wind richtig stand…….
    Und vom Wohnzimmerfenster bei Oppa konnte man gucken, wenn der Spielclub Osterfeld aufm Platz war, quasi Loge mit Sofakissen auf der Fensterbank.
    So, jetzt bin ich nostalgisch und du bist schuld…….

  2. Oppa hat auf der Fahnhorststraße gwohnt, daneben war der Baustoffmann, ist heute glaub ich auch noch ein Baumarkt. Dann konnte man über die damals kleinen Häuser rausgucken und den Sportplatz dahinter sehen, Stammlokal der Spieler war Gösmeier, später das schwarze Schaf genannt.
    An der Wittekindstraße haben meine Cousins Fussball gespielt, dann schon in den 70ern, und auf dem Friedhof daneben lagen dann die Großeltern.
    Die Bilderserie ist wirklich klasse, und gerade am Marktplatz sehen ja einige Häuser noch heute so aus, gegenüber der Vinzenzkirche wohnt seit mindestens 40, ne 50 Jahren meine Tante.
    Ich bin dann nochmal Bilder gucken…..

  3. Bei meinem Oppa hinterm Haus sah es ungefähr so aus :

    Ich war fast jedes WE bei meinen Großeltern, in der Nähe war auch noch ein kleiner Wald, außerdem hatte mein Opa Enten, Hühner und Kaninchen, einen alten Heuschober und einen großen Garten mit einem rumpeligen Feldweg, den ich mit meinem Fahrrag langgeheizt bin.

    Erinnerungen sind wirklich was feines ….

    *seufz*

  4. Lobo: schön, das sieht ja aus wie bei uns in Harkebrügge hinterm Haus *seufz*

    Eva: gerne, mir hat’s auch Spaß gemacht!

    Greeny: ja, das alte Osterfeld meiner Kindheit war noch schön. Heute haben sie’s in eine uniforme Allerweltsinnenstadt verwandelt. Um die Marktbude trauere ich immer noch!

  5. Nochmal Greeny: auf dem Friedhof Wittekindstraße liegt ein Opa, der starb, als ich knapp ein Jahr war, und meine beiden geliebten Großeltern, die vor zwei Jahren starben. Opa hat seinen geliebten Gasometer zu Häupten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s