Volker ist weg

Unter der Dusche, schrub ich kürzlich, singe ich hin und wieder. (Wenn ich sicher sein kann, dass niemand mich hört. Es reicht, dass ich mich selbst höre.)

Am letzten Wochenende hörte ich mich unter dem heißen weichen Wasserregen summen und pfeifen und überlegte lange, woher ich diese Melodie kenne. Irgendwie vertraut, aber doch… musste sehr lange her sein… und dann dämmerte es mir:

Jung Volker, das war unser Räuberhauptmann.

Mensch… wo, bitte kam das denn her? Das muss aus den allertiefsten Sedimentgesteinen meines Gehirns aufgestiegen sein. Denn dieses Lied habe ich seit fast 40 Jahren nicht mehr gehört, geschweige denn gesungen.

Als ich irgendwas zwischen acht und elf war, hat unsere Mutter meine Schwester und mich im Sommer mit der Caritas in Kinderferien geschickt. Bis auf die Zwangsmesse am Sonntagmorgen fanden wir diese Urlaube immer toll, ich erinnere mich besonders gerne an Terschelling.

In diesen Ferien hatte immer jemand vom Betreuerteam eine Gitarre dabei, abends gab es Stuhlkreis, jedes Kind bekam eine Mundorgel in die Hand gedrückt und dann wurde gesungen. Ich habe immer schon leidenschaftlich gerne gesungen (nur leider nie richtig).

Jung Volker war eines meiner Lieblingslieder. Ich also ab in die weltbeste Buchhandlung und eine Mundorgel bestellt, gleich mit Noten, obwohl das bei mir verschwendet ist. Ich beherrsche die normale C-Dur-Tonleiter und das auch nur im Stillen.

Der Buchhändler (etwa mein Jahrgang) war entzückt. Noch vor zehn Jahren, sagte er, habe er ständig 20, 30 Mundorgeln im Regal gehabt – „… und die wurden auch gekauft!“ Heute kennt die keiner mehr.

Ich machte es mir voller Freude mit meiner Mundorgel gemütlich und begann zu blättern. Meine Güte, was für Erinnerungen… ich hatte beispielsweise das Lied von den Hohen Tannen, die die Sterne weisen und Rübezahl ans Lagerfeuer einladen, völlig vergessen. Und ich konnte dabei als Kind sooo schön weinen. Heimlich natürlich, ich habe immer heimlich geweint.

Ich blättere und sang und erinnerte mich… und wunderte mich über Lieder wie „Laudato Si“, die früher nicht drin waren, aber das ist ein schönes Lied, ich mag es sehr, und es gehört da durchaus rein… aber so langsam, dachte ich, sollte ja nun auch mal Volker der Räuberhauptmann auftauchen, mit Fiedel und mit Flinte, die er beide gleich gut nutzen kann, „just nach dem Wetter und Winde“…

Volker kam nicht. Und das Inhaltsverzeichnis zeigte: Volker gibt es nicht mehr. Es reiten auch keine Blauen Dragoner mehr durch das Tor.

Ich war selbst überrascht von der Intensität meiner Enttäuschung. Meine Güte, es gibt das Internet, lad dir den Text runter, was soll’s denn?

Trotzdem – ich habe gesucht und eine Mundorgel von 1968 gefunden. Neuwertig. Die ist jetzt auf dem Weg zu mir.

Mit Sicherheit fiedelt und schießt Volker da drin noch, wie er es in meiner Kindheit getan hat.

Es ist so, denke ich: Volker, die Dragoner und Rübezahl, das waren sowas wie Hüter der heilen und entspannten Zeiten meiner Kindheit. Die lässt man nicht gerne einfach so wegredigieren. Nicht aus dem Buch und nicht aus dem Leben.

5 thoughts on “Volker ist weg

  1. ich glaube zu hause bei meiner Entenmama da liegen auch noch so 1 oder 2 Mundorgeln verschiedener Jahrgänge…. ich kenne sie auch noch und einige Lieder davon wurden auch im Zeltlager am Lagerfeuer gesungen… ach das war schön 😀

  2. Die Mundorgel habe ich auch, sogar noch ein altes Exemplar. (ich schau mal in s Inhaltsverzeichnis)

    Ausserdem hab ich auch noch das Pendant dazu, die Arschgeige. Da stehen so ein paar andere Lieder drin 🙂

  3. jaja, die Mundorgel, da hängt wohl jeder Erinnerungen nach.

    Ich fand die Mischung der Lieder die damals drin waren sehr spannend.

  4. ich kannte (und kenne) leider nichtmal einen bruchteil der lieder – aber ich hab auch ne mundorgel – die mussten wir uns damals in der 5. klasse besorgen

  5. Jaaa, ich hab als Kind oft Urlaub mit der Kirchengemeinde gemacht, und die Abende mit Lagerfeuer, Stockbrot und Mundorgel sind noch so in meiner Erinnerung. Bei *Wenn die bunten Fahnen wehen* wollte ich immer so gerne am Meer sein, aber ich war meist in der Nähe von Bad Kreuznach….und die Nahe ist wirklich nicht das Meer.

    Gruß aus OB
    Martina

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