Ingrid. (Für Frau … äh … Mutti.)

Dieser Beitrag von Frau … äh … Mutti hat mir gerade die Augen nass gemacht und ihre Bemerkung über das Alleinsein mit diesem Kummer hat mich an meine Oma erinnert:

Nach meiner Mutter bekam meine Oma noch ein Kind, wieder ein Mädchen (zur Enttäuschung ihres Mannes, aber die Söhne hat sie dann nach dem Krieg nachgeliefert).

Die Kleine wurde in einer Nottaufe Ingrid genannt und starb mit drei Monaten. Sie hatte die „blutige Ruhr“. Als Oma mit dem Baby ins Krankenhaus kam, schüttelte die Krankenschwester mitleidig den Kopf und sagte: „Sie bringen das Kind nur zum Sterben her.“

Und das tat sie auch, die Kleine. Dunkle Locken habe sie gehabt, ein Gesicht wie ein Engelchen und einen Mund wie eine Herzkirsche, sagte Oma immer.

Vermutlich hatte die Kleine auf diese schreckliche Welt keine Lust – Oma ist in diesem Krieg dreimal ausgebombt worden, das letzte Mal war sie im neunten Monat schwanger, mit Ingrid. Da saß sie im Luftschutzkeller und über ihr die Trümmer des Hauses. Kaum vorstellbar, was das ungeborene Kind schon alles an Angst und Terror mitbekommen hat, kein Wunder, dass sie keine Kraft zum Leben hatte.

Eine richtige Aufbahrung gab es mitten im ständigen Angriffschaos auch nicht – die Leichen wurden in einer Kirche abgelegt. Meine Oma erzählt, dass Ingrid – klein wie ein Püppchen – auf einem Stein gelegen habe, ganz allein.

Sie hatten für die Kleine einen winzigen weißen Puppensarg und mitdem Sarg unter dem Arm liefen sie zum Friedhof. Denn, sagte Oma, es fuhr zwar eine Straßenbahn, aber der Fahrer wollte sie mit dem Sarg nicht mitnehmen.

Es war ein kalter Septembertag, es hatte seit Tagen geregnet, der Friedhof stand im Schlamm. Der Pfarrer hastete durch den Beerdigungsritus und kaum hatte er den Segen gesprochen, ertönte das Heulen der Sirenen und die ersten Flieger tauchten am Himmel auf. Die kleine Beerdigungsgesellschaft rutschte, so schnell es irgend ging, durch den Schlamm in Sicherheit.

„Am 9.6. geboren, am 6.9. gestorben“, sagte Oma. „Ich denke jedes Jahr an diesen Tagen daran, immer noch.“

Für meinen Opa war das – wie für Frau Muttis Mann – weniger emotional. Er hatte seine Tochter bei der Geburt und bei ihrer Beerdigung gesehen und hatte keinerlei Bezug zu ihr. „Er denkt da überhaupt nicht mehr dran“, sagte Oma zu mir. „Aber ich schon, immer.“

Als Oma im letzten Stadium ihrer Demenz war, kurz vor ihrem Tod, hatte sie ein paar intensive Tage, an denen sie den Schmerz um Ingrid verarbeitete. Sie beschuldigte die Schwestern im Pflegeheim, ihr Baby weggenommen zu haben und flehte sie an, es ihr zurückzugeben. Aber zuletzt hatte sie wohl alles geklärt, denn sie ist sehr friedlich gestorben.

Frau Mutti… ich war noch nie schwanger und deshalb wäre es unangebracht zu sagen „Ich fühle mit Ihnen“, das ist wohl eine Schmerzdimension, die ich nicht erfassen kann. Aber Sie wissen ja: das gewisse Stück Papier … anytime.

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6 Kommentare zu “Ingrid. (Für Frau … äh … Mutti.)

  1. Schön, wie Sie die vielen Details in Erinnerung behalten haben!

    Ich „mußte“ leider zwei Abtreibungen vornehmen lassen. Und obwohl es meine eigene Entscheidung war, trauere ich auch. Aber es ist ganz sicher nicht der gleiche Schmerz, da selbst entschieden. Um wieviel schrecklicher muß es sein, ein Kind unfreiwillig, und zwar egal ob schon geboren oder noch im Mutterleib, zu verlieren… das kann selbst ich trotz Schwangerschaften nicht nachempfinden. Zum Glück.
    Dennoch spielt sich bei mir immer ein Kopfkino ab, wenn bekannt wird, daß wieder mal ein Kind entführt, mißbraucht und auch getötet wurde – ich bin sicher, ich würde Amok laufen, passierte das einem meiner Kinder…

    Meine Oma hat auch in den letzten Tagen vor ihrem Tod, sozusagen schon auf dem Weg durch den Tunnel ins Licht, viel Vergangenes „aufgearbeitet“ – irgendwie beruhigend, daß man dafür nochmal eine Chance bekommt.

    Liebe Grüße, Sie Süße!

  2. Nach den zwei Beiträgen bade ich mittlerweile in Tränen. Auf dieser Welt gibt es eindeutig zu viel schreckliches. Auch meine Oma hat ein Kind im Krieg verloren. An Mangelerscheinungen gestorben hieß es. Auf Deutsch. Es ist verhungert, weil meine Oma nicht stillen konnte und was soll man einem Säugling im Krieg auch anders anbieten können. Da gabe es nicht viel Auswahl. Und dann kam mein Opa auch nicht mehr von der Front wieder. Er ist irgendwo gefallen. Die Familie wusste nicht einmal wo. Vor zehn Jahren hat meine Mutter dann herausgefunden, dass er irgendwo in Heidelberg auf einem Soldatenfriedhof liegt. Das ist schon sehr tragisch. Irgendwann werden wir da hinfahren und sein Grab besuchen.

  3. ist es falsch zu sagen, dass sie sehr feine und wunderschöne worte für die geschichte ihrer oma gefunden haben? ich bin zutiefst gerührt ob des schicksals dieses kleinen mädchens und ihrer mutter. das muss alles ganz grauenhaft für sie gewesen sein, wenn sie noch auf dem sterbebett damit zu kämpfen hatte…..und ich finde es berührend, dass sie dieser geschichte hier ihren platz geben.

  4. Man muss ich mal vorstellen wieviel Kraft diese Frauen hatten, all diese furchtbaren Erlebnisse im Krieg zu ertragen und dann noch weiter zu leben. Und wir jammern heute über vergleichbar Unwichtiges.

    Meine absolute Hochachtung gilt an der Stelle den Müttern der Kriegsgeneration.

  5. Vielen Dank für die schönen Kommentare! Das freut mich umso mehr, als mir diese Geschichte um Ingrid sehr am Herzen liegt und ich schon lange das Bedürfnis hatte, sie mal aufzuschreiben. Einfach, damit Ingrid mal wahrgenomen und gewürdigt wird.

    Frau BuZ: Ja, wenn die Angehörigen dem sterbenden Menschen seine Zeit und Ruhe dazu lassen und nicht rumhektiken mit „Ach Gott, sie leidet, sie leidet“ – während derjenige einfach nur schon in seiner eigenen Welt ist und ordnet, ablegt und sortiert, damit er in Ruhe gehen kann. Würdevolle Sterbebegleitung ist eine Kunst für sich, eine Kunst der Überwindung der eigenen Ängste.

    Pebble: Jaa… Oma hatte ja nach dem Krieg gar keine Gelegenheit, alles zu verarbeiten, das Leben ging ja sofort volle Möhre weiter: Wiederaufbau, Mann aus der Gefangenschaft zurück, Familie…

    Frau Ährenwort: wenn ich da behilflich sein kann… gerne. Ich wohne ja nicht weit weg von HD.

    Frau Ami!!! Wie schön und hocherfreulich, Sie in meinem Blog zu sehen! Lieben Dank für Ihr schönes Kompliment!

    Chinomso: ja, wenn ich überlege, was Oma mir so erzählt hat, mit welch unglaublichen Tricks und Kniffen sie den Alltag und den großen Mangel an praktisch allem bewältigt haben… ganz abgesehen von der ständigen Lebensangst.

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